Freitag, 16. Mai 2014

Das Jury-Debakel vom Kaukasus

© EBU
Es ist eine Farce.

Alle drei kaukasischen Länder haben beim Eurovision Song Contest 2014 das Jury-Voting missbraucht. Alle drei. Und niemand weiß, ob es das erste Mal so war. Denn erst seit diesem Jahr werden die vollständigen Split-Ergebnisse zwischen Jury- und Televoting von der EBU veröffentlicht. Die EBU möchte damit mehr Transparenz zeigen. Sie möchte den Zuschauern die Möglichkeit geben, das Ergebnis besser nachzuvollziehen. Und sie macht damit direkt beim ersten Mal drei offensichtliche Missbräuche öffentlich.

Gehen wir also alle drei fragwürdigen Länder einzeln durch.

Georgien


Zu Beginn erstmal eine gute Nachricht: Den Fall in Georgien hat die EBU bereits geahndet. Die georgische Jury war nämlich so selten dämlich, tatsächlich alle acht Favoriten-Plätze geschlossen exakt gleich zu vergeben. Es gab nicht einmal minimale Abweichungen, wie einem auffällt, wenn man in die Tabelle schaut:

Land Juror A Juror B Juror C Juror D Juror E Platz Jury
Ukraine 1 1 1 1 1 1
Aserbaidschan 2 2 2 2 2 2
Armenien 3 3 3 3 3 3
Weißrussland 4 4 4 4 4 4
Montenegro 5 5 5 5 5 5
Vereinigtes Königreich 6 6 6 6 6 6
Italien 7 7 7 7 7 7
Österreich 8 8 8 8 8 8

Aus welchen Gründen Georgien so gehandelt hat, weiß man nicht. Das georgische Jury-Voting wurde jedenfalls daraufhin annulliert, für die Punktevergabe nur das Televoting gezählt. Georgien droht nun eine bis zu dreijährige Sperre beim Wettbewerb.

Aserbaidschan


Aserbaidschan hat das so ähnlich wie Georgien gemacht, wie Stefan Niggemeier aufgefallen ist. Diese Jury hat einfach alle Beiträge nur fast, aber immerhin mit minimalen Abweichungen, gleich bewertet. Höchstwahrscheinlich so, dass am Ende das Ergebnis rauskommt, was vom Staat gewünscht ist:

Land Juror A Juror B Juror C Juror D Juror E Platz Jury
Russland 1 3 1 1 2 1
Weißrussland 3 2 3 4 1 2
Ungarn 2 1 4 3 4 3
Rumänien 5 6 2 2 3 4
Griechenland 4 4 6 5 7 5
Ukraine 6 5 5 7 6 6
Italien 8 7 9 6 5 7
Malta 7 9 7 8 9 8
Slowenien 11 8 8 10 8 9
Montenegro 9 11 10 9 10 10
Polen 10 10 12 11 12 11
Spanien 12 13 11 14 11 12
San Marino 13 14 13 12 13 13
Frankreich 15 12 15 13 14 14
Finnland 14 15 14 15 16 15
Vereinigtes Königreich 16 17 16 16 15 16
Dänemark 17 16 18 17 17 17
Island 19 18 17 19 19 18
Niederlande 18 19 19 18 20 19
Norwegen 20 21 20 20 18 20
Schweiz 21 20 21 22 21 21
Deutschland 23 22 22 21 22 22
Schweden 22 23 24 23 24 23
Österreich 24 24 23 24 23 24
Armenien 25 25 25 25 25 25

Die EBU hat das jedenfalls nicht gemerkt, das aserbaidschanische Jury-Voting wurde für die Punktevergabe gezählt.

Armenien


Die armenische Jury hingegen hat sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um die Chancen ihres durchaus hoch gehandelten Kandidaten Aram Mp3 zu verbessen. Sie haben sich eine Regeländerung vom letzten Jahr zunutze gemacht, die dafür sorgt, dass die Platzierungen des Jury- und Televotings nun zuerst komplett kombiniert werden, bevor es zur Punktevergabe kommt. Dadurch haben die Jurys die Möglichkeit, vor allem mit der Vergabe ihrer letzten Plätze das Ergebnis maßgeblich zu beeinflussen. Länder, die bei der Jury dort landen, haben kaum noch Chancen, mithilfe des Televotings innerhalb die Top 10 und somit in die Punkte gehoben zu werden. So haben sie auf die letzten Plätze einfach die anderen Favoriten des Wettbewerbs gesetzt:

Land Juror A Juror B Juror C Juror D Juror E Platz Jury
Aserbaidschan 25 25 25 25 25 25
Österreich 23 21 23 24 23 24
Ungarn 22 24 22 23 22 23
Schweden 24 23 24 10 24 22
Vereinigtes Königreich 21 20 21 22 21 21
Ukraine 20 22 20 21 20 20

Nach dem obligatorischen letzten Platz für Erzfeind Aserbaidschan folgen hier genau die fünf Topfavoriten Österreich, Ungarn, Schweden, das Vereinigte Königreich und die Ukraine. Ähnlich wie in Aserbaidschan wurden die Länder mit minimalsten Abweichungen sortiert, lediglich der Ausreißer bei Schweden von Juror D sticht heraus. Bei den mittleren Plätzen herrschen dann wieder größere Abweichungen. Lediglich auf den ersten Plätzen haben sie wieder dafür gesorgt, genau die bei den Wettquoten schlechtesten Beiträge auszuwählen:

Land Juror A Juror B Juror C Juror D Juror E Platz Jury
Island 11 8 5 3 9 5
Deutschland 3 7 3 5 16 4
Weißrussland 4 5 4 4 4 3
Montenegro 2 1 2 2 2 2
Malta 1 3 1 1 1 1

Wie gesagt: Niemand weiß, ob das dieses Jahr Einzelfälle waren. Niemand weiß, wie oft es schon zu solchen Fällen gekommen ist und wie oft die EBU möglicherweise schon etwaige Jury-Votings, ähnlich wie bei Georgien in diesem Jahr, annulliert hat. Aber wenn einem im ersten Jahr der Veröffentlichung der Einzelergbnisse des Votings schon so etwas auffällt, ist das doch mehr als fragwürdig. Das sollte die nächsten Jahre über beobachtet werden - vorausgesetzt, die EBU verabschiedet sich nicht direkt wieder von ihrer neu gewonnenen Transparenz.

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