Samstag, 28. Februar 2015

Zwischen Fitness-Sessions und Melkmaschinen

© SAT.1

Eine Fernsehen & Co.-TV-Kritik


Es soll das größte TV-Experiment aller Zeiten werden: Vergangenen Montag startete SAT.1 seine neue Reality-Show Newtopia, in der 15 Menschen auf einem Stück Land eine neue, vielleicht bessere, Gesellschaft errichten sollen. Dazu stehen ihnen nur eine Scheune, 5.000 Euro, ein Handy, zwei Kühe, 25 Hühner und ein Teich mit 27 Regenbogenforellen zur Verfügung. Die ersten fünf Ausgaben sind bereits gelaufen. Und die zeigten, welch schwieriges Unterfangen solch eine neue Gesellschaft wirklich ist...


Man hat ja in den letzten Wochen von keinem anderen Format mehr gehört als von Newtopia - wurde schließlich auch ordentlich Werbung mit Plakaten und Trailern dafür gemacht. Am Montag waren dann alle Augen auf SAT.1 gerichtet. Es galt, einen ähnlichen Erfolg wie in Holland zu erzielen und ein Quotendesaster wie in den USA zu vermeiden. Dafür hatte man bei SAT.1 auch entsprechend vorgesorgt: Die Auftaktshow war so ziemlich eine 1:1-Kopie derer aus Holland. Die 15 Kandidaten setzten sich in der Scheune an einen gemeinsamen Tisch, um dort gesagt zu bekommen, dass sie doch noch einmal kurz nach Hause und eine Kiste mit dem Nötigsten packen dürfen. Die Reaktionen der Kandidaten waren ziemlich unüberrascht - sie konnten sich das schließlich schon denken. Auch der Rest der Folge war für informierte Zuschauer dann nur halb so spannend: Trotz Vorwissens waren die Kandidaten zuhause völlig orientierungslos und hatten sich natürlich keine Gegenstände zurechtgelegt. Am Ende wurden die wenigsten Absprachen eingehalten - man hatte zwar zig Rollen Klopapier beisammen, aber so gut wie keine Zahnbürste dabei.

Ähnliche Probleme der Kandidaten machten sich auch in den darauffolgenden Ausgaben bemerkbar: Die Vorstellungen von dem, was man wirklich zum Leben braucht, gehen extrem weit auseinander. Regelmäßig endet das in einer zu nichts führenden Diskussion. So bestellte man am Donnerstag einen Ofenbauer, der nach Kerstins Bettelei schon bereit dazu war, von 1.400 auf 800 Euro runterzugehen. Dennoch musste er untätig wieder fahren - man kam in der Gruppe zu keinem Ergebnis. Stattdessen wurde später für 600 Euro eine Melkmaschine gekauft, weil man es ja sonst unter 15 Menschen auch niemals schaffen würde, regelmäßig zwei Kühe zu melken.
Insgesamt haben die von SAT.1 als "Pioniere" betitelten Kandidaten mittlerweile mehr als 1.000 Euro für Lebensmittel, Make-Up und Sonstiges ausgegeben; der Ofen und die Melkmaschine wurden auf Pump gekauft, kommen also noch dazu. Gute Einnahmequellen hat man im Gegenzug dazu noch nicht wirklich gefunden - Ideen gibt es, aber an der Realisierung scheitert es dann doch.

Apropos Realisierung: SAT.1 hat aus dem Desaster in den USA gelernt und das Format überraschend gut umgesetzt. Man sendet es hier wie auch in Holland fünf Tage die Woche - wer mehr will, muss auf vier Live-Streams im Internet ausweichen. Einer davon ist kostenlos, die anderen drei und eine 360°-Kamera für Hardcore-Fans sind mit rund 4 Euro im Monat erschwinglich. Die TZFs werden nicht moderiert, sondern lediglich durch einen Off-Sprecher kommentiert.
Dennoch musste man bereits mehrfach die Grenzen der Produktion kennenlernen: Die "Pioniere" scheinen das Konzept der Sendung noch nicht wirklich verstanden zu haben und sind wohl erstmal darauf aus, sich mit den 5.000 Euro für ein paar Wochen ein schönes Leben zu machen. Anders als bei Big Brother kann man hier seitens des Senders nicht mal eben schnell eine Challenge oder ein Match einschieben. Und auch, wenn es anfangs vielleicht noch lustig anzusehen ist, wie fast jedes Telefonat scheitert, das Geld schwindet und Candy und Hans trotzdem weiter ihre täglichen Fitness-Sessions durchziehen - der wirkliche Kern der Sendung sollte auf Dauer dann doch eher anders aussehen.

Fazit: Newtopia kann eine sehr interessante und spannende Sendung werden - aber dazu braucht es eben auch entsprechend Initiative der Kandidaten. Und da dieses Format so sehr wie kein zweites an seine eigene Entwicklung gebunden ist, sind wir einfach mal zuversichtlich, dass sich diese früher oder später noch zeigen wird...

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