Samstag, 1. August 2015

Wie man Spannung im Keim erstickt

© RTL

Eine Fernsehen & Co.-TV-Kritik


RTL, Samstagabend. Schauplatz ist eine ehemalige Abhörstation des kalten Krieges in Berlin. Costa Cordalis, Dustin Semmelrogge und Werner Böhm stehen auf Plattformen und lösen mithilfe von Megaphonen eine Rechenaufgabe.
Nein, was Sie hier sehen, ist nicht das kreative Klassentreffen der TV-Senioren. Es ist das von RTL als "All-Star-Event" bezeichnete Sommer-Dschungelcamp mit dem durchaus schönen Titel Ich bin ein Star - Lasst mich wieder rein!.

27 Ex-Dschungelcamper, die anscheinend alle schon wieder bankrott gegangen sind, spielen darum, in der zehnten Staffel nächstes Jahr nochmals teilnehmen zu "dürfen". Was für ein Paradoxon. Da benennt man die Sendung seit der ersten Staffel mit dem Spruch, von dem man denkt, dass ihn jeder Camper irgendwann mal rufen oder zumindest die ganze Zeit über denken wird - und dann trudeln nach der neunten Staffel gleich 27 Bewerbungen von Leuten ein, die es schon mal geschafft hatten, dem australischen Dschungel zu entfliehen.

Das muss man nicht verstehen.

Was man aber auch nicht verstehen muss, ist die Tatsache, dass RTL aus diesem doch äußerst innovativen Konzept eine Talkshow mit Einspielern in einem 08/15-Studio gemacht hat, in dem Oliver Geissen zuvor wahrscheinlich noch "Die pupsundvierzig beliebtesten RTL-Sendungen mit Daniel Hartwich" aufzeichnete. Bei dieser Sendung möchte dann eben der Zuschauer diesen Satz rufen, den die Sendung eigentlich seit der ersten Staffel hat (sofern er bis dahin noch nicht eingeschlafen ist).

Aber beginnen wir von vorn. Die Sendung startet mit den bekannten Moderatoren auf einer Hängebrücke, die in einem Studio in Hürth (und nicht Köln, wie Daniel Hartwich direkt erstmal klarstellte) hergerichtet wurde. Dort rufen Sonja und Daniel dann den Satz, den zuvor nur Michael Wendler sich traute in den Mund zu nehmen. Na gut, sie müssen ihn noch von ihren Moderationskarten ablesen, aber mehr konnte man jetzt auch nicht erwarten. Schließlich hätte nie jemand gedacht, dass sich noch 26 andere Leute finden, die sich diesem Verzweiflungsruf anschließen würden. (Obwohl RTL die Sendung vielleicht auch mit Michael Wendler allein durchgezogen hätte.) Es folgt: Rückblick auf die erste Staffel inklusive Greenscreen-Kommentare der Ex-Camper, Eintreten der Kandidaten unter Dauerbeschallung mit dem Theme der Sendung (Wenigstens etwas!) und: Talk. Frage: Wie will man das mit steigender Folgenzahl schaffen? Rückblicke auf die vor ein oder zwei Jahren beendeten Staffeln? Das braucht doch sicherlich keiner.

Es folgt der Hauptteil der Sendung. Dieser besteht aus Einspielern, die bereits vor vier Wochen aufgezeichnet wurden. Die drei Kandidaten müssen in einem Bunker des Kalten Krieges in Berlin verschiedene "Missionen" lösen. Und ja, das ist durchaus lustig und entspricht exakt dem, was RTL in seiner Formatbeschreibung angekündigt hat. Denn mal ganz ehrlich: Wer bei "Großstadtdschungel" noch an einen echten Dschungel mit Kakerlaken dachte, der ist wohl noch nie in einer Großstadt gewesen.
Doch die Freude über die Rettung des schlechten Beginns hält nicht lange an: Nachdem die erste Mission als gelöst gilt, sehen wir ein "Fortsetzung folgt..." und dann wieder das Studio. Doch dort geht es nicht in Dschungelcamp-Manier nach ein paar Sprüchen der Moderatoren wieder zurück in den Einspieler. Nein, man serviert uns Rückblicke und: Talk. Wie spannend. Würde diese Sendung "Wie man soeben erzeugte Spannung im Keim erstickt" heißen, würde sie ihrem Titel absolut gerecht werden. Und das ist wirklich schade.
Nachdem man damit noch ein paar Mal seine Zuschauer auf die Probe stellte, gab es dann eine Live-Prüfung und die Entscheidung: Costa Cordalis ist der erste Anwärter auf einen "heißbegehrten" Platz im zehnten Dschungelcamp. Hat aber ehrlich gesagt kaum Chancen, wenn man bedenkt, dass er noch gegen Leute wie Michael Wendler oder Walter Freiwald antreten muss.

Soll man nun bei den folgenden Sendungen noch einschalten? Meine überraschende Antwort: Ja. Durch die Tatsache, dass die Kandidaten mit steigender Folgenzahl immer bekannter werden, ist die Chance, dass die erzwungenen Talk-Brocken ebenfalls interessanter werden, durchaus gegeben. Und für die Einspieler lohnt sich die Sendung schon. Dann fallen die Pinkelpausen eben etwas länger aus.

Fazit: In dieser Form funktioniert die Sendung nur schwerlich. Entweder man vergrößert das Studio und bietet damit mehr Platz für Live-Aktivitäten oder man verzichtet gänzlich darauf, kürzt die Sendung auf eine Stunde und lässt Sonja und Daniel nur die Einspieler von dem Sofa aus kommentieren. Zur Entscheidung könnte man dann die Kandidaten mit reinholen. Muss ja nicht unbedingt vor einem blauen Tourbus stattfinden...

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