Dienstag, 17. Mai 2016

Tschechien versteht sich nicht mit seiner Jury

© EBU
(Ich bin ja bekanntermaßen großer ESC-Fan. Und da es für einen solchen nur sehr schwer ist, nach dem Finale sofort auf seine Droge zu verzichten, habe ich mir die auf der Eurovision-Website veröffentlichten Full Split Results angeschaut und damit einige statistische Spielereien betrieben. Daraus könnte man nun schließen, dass ich kein Real Life besitze. Eventuell aber auch einfach, dass ich Spaß an statistischen Spielereien habe.)

Was zeichnet eigentlich eine gute ESC-Jury aus? Dass sie unbestechlich ist, klar. Dass sie nur nach ihrem eigenen Musikgeschmack und nicht aus Nachbarschafts- oder politischen Gründen urteilt, auch klar.

Und laut offiziellen EBU-Vorgaben auch, dass Spaßbeiträge bei ihr nicht allzu große Chancen haben. Aber sollte sie nicht auch den Televotern seines Landes einigermaßen ähnlich sein? Die Juroren sollen schließlich einen Querschnitt der Musikindustrie des Landes darstellen, und die lebt ja vor allem von der Bevölkerung.

Zu diesem Zweck habe ich mir die von der EBU freundlicherweise zur Verfügung gestellte Excel-Tabelle angeschaut. Dort ist die Wertung jedes Landes an jedes andere Land genau aufgeschlüsselt: In das Voting der fünf Juroren, die daraus resultierende Platzierung und die daraus resultierenden Punkte sowie die Platzierung im Televoting und dessen Punkte. Mit Excel lässt sich so für jede Zeile die Abweichung zwischen dem Jury- und dem Televoting berechnen, und das kann man auch für jedes Land mitteln, sodass sich eine durchschnittliche Abweichung in Plätzen ergibt. Beispiele: Landen alle Lieder bei Jury und Televotern eines Landes auf demselben Platz, ergibt sich eine durchschnittliche Abweichung von 0,0 Plätzen. Dreht die Jury das Televoting-Ergebnis komplett um (1-26 wird zu 26-1), liegt die durchschnittliche Abweichung bei 13,0 Plätzen.

Land Abweichung in Plätzen
Griechenland 4,62
Aserbaidschan 4,64
Dänemark 4,77
Bosnien und Herzegowina 5,00
Mazedonien 5,08
Estland 5,31
Albanien 5,54
Weißrussland 5,62
Island 5,62
Polen 5,68
Israel 5,92
Malta 5,92
Australien 6,00
Zypern 6,00
Norwegen 6,08
Armenien 6,08
Ukraine 6,16
Litauen 6,16
Deutschland 6,32
Lettland 6,48
Slowenien 6,54
Schweden 6,64
Vereinigtes Königreich 6,64
Finnland 6,69
Montenegro 6,69
Frankreich 6,88
Belgien 6,88
Niederlande 6,96
Russland 7,36
Kroatien 7,52
Spanien 7,84
Moldawien 7,92
Italien 7,92
Serbien 7,92
Schweiz 8,00
Irland 8,08
Bulgarien 8,24
Ungarn 8,40
San Marino 8,46
Österreich 8,72
Georgien 8,80
Tschechien 10,24

Was sagt uns das jetzt? Nun, Tschechiens Jury hat offensichtlich den Grand Prix im Gegenstimmen gewonnen: Die Jury stimmt hier um durchschnittlich 10,24 Plätze besser oder schlechter für jedes Lied als die Zuschauer. Besonders krasse Beispiele: Die Ukraine setzten sie auf Platz 24 statt 1, Russland auf 25 statt 2, Armenien auf 18 statt 3, Polen auf 23 statt 4 und Aserbaidschan auf 17 statt 5. Griechenland hingegen ist sich mit seiner Jury am ehesten einig: Die durchschnittliche Abweichung beträgt nur 4,62 Plätze. Deutschland liegt mit einer Abweichung von 6,32 Plätzen im Mittelfeld.

Was sagt uns das jetzt nicht? Natürlich woran es liegt. Lediglich der hohe Wert bei San Marino dürfte darauf zurückzuführen sein, dass der Zwergstaat jedes Jahr nicht genug Anrufer für das von der EBU benötigte Quorum zusammenbekommt und daher einen aus anderen Ländern errechneten Schätzwert als eigenes Televoting ausgeben muss.

Jedenfalls haben die Jurys einen extrem hohen Einfluss auf das nationale Ergebnis. Auch das Gegenargument der Verhinderung des politischen Votings zieht dabei leider nicht wirklich: Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren darüber berichtet, dass die Jurys teilweise noch mehr Nachbarschaftsvoting betreiben als die Zuschauer. So zum Beispiel in Moldawien und Rumänien, dessen Jurys sich jedes Jahr gegenseitig mit dem ersten Platz bedenken. Andersrum geht es aber auch: Die armenische und aserbaidschanische Jury votieren das jeweils andere Land aufgrund des Bergkarabachkonflikts jährlich erneut geschlossen auf den letzten Platz.

Auf jeden Fall sollte man sich fragen, inwiefern solche nationalen Jurys, die teilweise dramatisch von dem Willen der Gesamtheit des Landes abweichen, überhaupt noch seine Berechtigung haben. Sie hätten sie sicherlich, wenn die hohen Abweichungen darin begründet wären, dass politisches Voting fast ausnahmslos ausgebügelt wird. Aber das wird es eben nicht, es wird teilweise sogar bestärkt. Und wenn das durch das neue Votingsystem dann auch noch solch einen Raum in der Show bekommt, während das Televoting schnell kumuliert von den Moderatoren angesagt wird, ist das doch äußerst bedenklich...

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